Who's who

fleckhausDie Vorläufer der Toskanafraktion waren zwei recht unterschiedliche Kulturschaffende, die sich schon in den 60er Jahren südöstlich von Florenz zwischen Arno und Pratomagno nieder ließen. Der eine war der Designer und Fotograf Willy Fleckhaus, der unter anderem mit der Zeitschrift "twen" eine ganze Generation stilistisch prägte. Den Professor für visuelle Kommunikation zog es, wann immer er Zeit fand, in sein Domizil in Castelfranco di Sopra, wo er auch 1983 starb. Dort hatten ihn viele seiner Jünger besucht und das Toskana-Bild unter den  Intellektuellen in Deutschland geprägt. Sein Sohn Sebastian bot 2014 das Anwesen zum Verkauf an.

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Der andere war der 1914 in Czernowitz geborene Schriftsteller Gregor von Rezzori, der mit seinen "Maghrebinischen Geschichten" berühmt wurde. Er hatte ein halb verfallenes Turmhaus in Donnini entdeckt, das er wieder herrichtete. Von Rezzori prägte mit vielen Berichten über das Chianti und andere Winkel der Toskana auf seine Weise das Bild dieser Landschaft in deutschen und österreichischen Köpfen. Er starb 1998 in seinem Haus (dort ist er auch begraben), und seine Witwe machte daraus die Stiftung Santa Maddalena. Seither bietet das Haus eine Heimstatt für Schriftsteller und andere Künstler. So wurde das Andenken an den Schriftsteller weiter wach gehalten. Und mit Unterstützung der Stadt Florenz ist rund um den „Premio Gregor von Rezzori“ eines der wichtigsten Literaturfestivals Italiens entstanden.

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Als geistige Vorläufer der späteren Toskanafraktion darf man aber wohl eine Gruppe von Linksintellektuellen bezeichnen, namentlich Ekkehart Krippendorf, Johannes Agnoli, Wolfgang Müller, Horst Kern und Oskar Negt, die in den 60er/70er Jahren regelmäßig mit Kind und Kegel in der Villa "La Piaggetta“ (Foto) am Lago di Massaciuccoli ihren Urlaub verbrachten. Inhaberin war die Contessa Maria Bianca Gaddi-Pepoli, die Tochter des Marchese Carlo Ginori, dem Puccini La Bohème gewidmet hatte. Es soll bürgerlich streng in den Familien der deutschen Linken zugegangen sein. Agnoli und Krippendorf behielten Wurzeln in der Gegend, Agnoli starb in seinem Haus bei Lucca. 

Oskar Negt

Oskar Negt (Foto) hat in seinem Buch "Faust Karrie r e“ Goethes "Verweile Augenblick, du bist so schön!" umgedichtet: 

Werd ich beruhigt  mich je 

Vom Streben nach der Mehrung meines Geldes,

Hab und Gut Vermögen, zu Lasten Dritter,

links oder rechts, vor mir, hinter mir

vom Wachstumspfad abgekommen, 

als Toskana Fraktion

vergnügt ab durch die Mitte

in die Büsche gehen

randvoll guten Weines

mit dem begnügen,

was ich habe,

alle Fünfe gerade sein,

andere so leben lassen, wie sie meinen

mich, römisch dekadent,

auf ein Speis- und Trank- Faulbett legen

So sei es gleich um mich getan.

Aber das mit der "Toskanafraktion" begann erst danach. Zu ihr wurden in der Öffentlichkeit immer wieder Björn Engholm und Oskar Lafontaine gezählt. Engholm mag zwar eine Vorliebe für Armani-Klamotten und guten Wein gehabt haben, aber er legte Wert darauf, in seinen Zeiten als Politiker nie in der Toskana Urlaub gemacht zu haben.

Das gleiche galt lange Zeit für den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder. der ebenfalls immer wieder zur Toskana-Fraktion gezählt wurde, aber seinen Urlaub an der Nordsee, in Spanien oder in Positano machte. Doch am 17. April 2003 ist Schröder dann endlich in der Toskana gesichtet worden.

Erzrivale Lafontaine verbrachte gerne seine Kurzurlaube um Ostern oder im Herbst in Capannori bei Lucca, wo sein Freund, der saarländische Wohnbaumanager Alfred Kern, ein Anwesen hatte. Die "Bild"-Zeitung entdeckte 1991 Lafontaine mit seiner damaligen neuen Lebensgefährtin Christa Müller beim Frühstück über den Dächern von Florenz.

glotz-roDer eigentliche "Chef" der Toskanafraktion war zunächst SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz (hier mit Ulrich Rosenbaum. dem Autor dieser Website), der jeden Sommer bei Castiglion Fiorentino (Arezzo) verbrachte (jedenfalls, so lange er mit der Kulturmanagerin Linda Reisch zusammen lebte).  

Dort besuchte ihn 1989 der grüne Bundestagsabgeordnete Otto Schily, den Glotz überredete, zur SPD überzuwechseln. Schily hatte zu dieser Zeit gerade ein Landgut in der "Crete" südöstlich von Siena ersteigert.

schilySchily war es auch, der seinen Freund Joschka Fischer zwar nicht zum Sozialdemokraten aber wenigstens zum überzeugten Mitglied der Toskanafraktion machte. Fischer beschrieb in seinem Buch "Mein langer Lauf zu mir selbst“, wie er täglich auf staubigen Pisten bei Asciano seine Pfunde abtrainierte und sich von Schafskäse ernährte.

Auch ein anderer Schily-Freund spielte immer eine wichtige Rolle: der Berliner Verleger Klaus Wagenbach, der in Montefollonico (Ortsteil von Torrita di Siena) wohnt, wo auf dem Türschild steht: "Idee confuse - Scritti vari - Ingresso libero" (Konfuse Ideen, verschiedene Schriften, Eintritt frei).

Ein einziges Mal ist es zu einem realen Treffen der Toskanafraktion gekommen: Am 11. Juli 1991 lud der ehemalige "Stern"-Chefredakteur Heiner Bremer, heute Polit-Talker bei RTL und n-tv, anlässlich seines 50. Geburtstags in das Restaurant "La Chiusa" in Montefollonico ein. Unter anderem waren Peter Glotz und Otto Schily sowie der Autor dieser Website dabei, und man beschloss, dass dies eine Mitgliederversammlung der Toskanafraktion sei.

Zu den besonderen Freunden der Toskana gehören auch der ehemalige Forschungs- und Verkehrsminister sowie spätere Frankfurter OB Volker Hauff (SPD) und sein Parteifreund Claus Wisser, einer der größten Dienstleistungsunternehmer Deutschlands (Wisag) und Stifter des Rheingau-Festivals. Markus Lüpertz, einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler, hat ein Haus zwischen Cortona und dem Lago Trasimeno.

Dass die Toskanafraktion keineswegs nur männlich ist, zeigen passionierte Toskana-Urlauber wie die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth (die am liebsten in die Maremma fährt) und die schleswig-holsteinische Ex-Ministerpräsidentin Heide Simonis (Stammquartier in der Nähe von Pisa). Jürgen Trittin wurde von Lesern dieser Website, die auf Wandertour waren, an einem kleinen Badesee nördlich von Grosseto gesichtet - splitternackt. 

Aber es sind nicht nur die Politiker. Deutschlands Superstar auf zwei Rädern, Jan Ullrich, trainierte im Frühjahr einst regelmäßig in der Nähe von Lucca für die Radrennsaison. Bedeutende Größen der deutschen Publizistik wie der langjährige "Süddeutsche"-Chefredakteur Werner Kilz mögen gar nicht mehr ohne ihren Zweitwohnsitz (in diesem Fall bei San Gimignano) leben.

Nicht zu vergessen: Die Toskanafraktion ist international. Der britische Premier Tony Blair macht seit 1996 regelmäßig im Sommer 14 Tage Urlaub in "Chiantishire". Und zwar in der "Villa Cusona" des Grafen Strozzi in San Gimignano. 1999 machte er eine Ausnahme und nahm eine Einladung des toskanischen Regionalpräsidenten in dessen Gästehaus in der Pineta von San Rossore bei Pisa an. 2000 war er mit Sohn Leo, den übrigen Kindern und Frau Cherie wieder in der Villa Cusona (Foto). 

Weitere regelmäßige Toskana-Urlauber: Frankreichs Ex-Regierungschef Lionel Jospin (in Asciano) und Ex-EU-Kommissar Neil Kinnock. Und vergessen wir nicht die Künstlerszene: Konstantin Wecker (wohnt zeitweise in Ambra, Prov. Arezzo) und Sting (hat seinen Lebensmittelpunkt in Figline Valdarno).

© Ulrich Rosenbaum 1996 - 2018