Peter Glotz

... in "Merian Toskana" (2002):

Die Toskana-Fraktion, muß man wissen, hat nichts mit der Toskana zu tun. "Toskana-Fraktion" ist ein deutscher Kampfbegriff, dessen Entstehung nicht mehr genau zu rekonstruieren ist. Jedenfalls nannte der Publizist Johannes Gross am 1. Januar 1991 in der Zeitschrift Impulse ein paar führende SPD-Politiker "junge Taugenichtse", "parasitäre Erscheinungen". Er meinte die "mittelalten, flippig auftretenden Herrschaften, des Italienischen nicht kundig, aber mit Häuslein in der Toskana ausgestattet". Gemeint war ein Lebensstil, ein Typus, ein Meinungsstrom. Das Unerträgliche waren Sätze wie "Politik ist nicht alles", "Mailand ist schöner als Weimar", "Kultur ist so wichtig wie Politik". Blitzschnell bildete sich ein Assoziationsspektrum: trockener Weißwein, Seidenhemden, Nachdenklichkeit, Genußfähigkeit, kommunikative Kompetenz, Sprache, Faulheit. Die hedonistischen Modernisierer - im Vordergrund Engholm, Klose, Lafontaine - wurden am Schlafittchen gepackt. Als Haken diente eine Landschaft: die Toskana. Eine Mauer war errichtet - auch in der SPD. Der nächste Vorsitzende dieser Partei sagte rasch, es sei in der Vergangenheit "zu viel über Eßgewohnheiten und Urlaubsziele" geredet worden. Die Toskana war zum Schimpfwort geworden. Wer Montepulciano von Montalcino unterscheiden konnte, galt als unseriös.

Kein Wort mehr über diesen Zank. Nur bei den Toskanern, den toscani, muß man um Vergebung bitten, für den symbolischen Mißbrauch ihrer Heimat, ihres Namens.

© Ulrich Rosenbaum 1996 - 2018