Joschka Fischer

Aus: Mein langer Lauf zu mir selbst (Kiepenheuer & Witsch 1999)

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Die Hügellandschaft südlich von Siena, schon immer "Crete" genannt, liegt etwa 200 bis 300 Meter über dem Meeresspiegel und unterscheidet sich radikal von der ansonsten üblichen Landschaft der Toskana, die, jenseits der Flußtäler und der "Maremma", der Küstenebene, sehr stark von einer bewaldeten Gebirgslandschaft geprägt ist. Die Hügel der Crete hingegen sind meist völlig kahl, einzelne Gehöfte oder Gutshöfe, "Fattorien", zieren hier -und da ihre Gipfel, und einzelne, verloreii wirkende Bäume unterstreichen noch das Bizarre und Außergewöhnliche dieser Landschaft.

Die Landschaft ist hügelig, durchschnitten von kleineren Flüssen, wie der Arbia, die von den Monte de Chianti im Nordosten herunterkommen, und zahlreichen Bächen, die in der heißen Jahreszeit jedoch kaum mehr als mühselige Rinnsale sind. In der Crete werden vor allem Getreide und Sonnenblumen angebaut, dann und wann sieht man einen Weiler oder einen Hof mit Garten und einem Olivenhain, ansonsten dominiert die Schafzucht. Berühmt ist deshalb auch der Schafskäse der Crete, ein wunderbarer Peccorino, der sowohl frisch und jung wie auch als "staggionato", als gereifter Käse, hervorragend schmeckt.

Die Crete wird durch wenige geteerte Landstraßen und durch zahlreiche unbefestigte Wege, den »strade biance«, durchzogen, die in der Hitze des Sommers vom Staub weiß-grau gefärbt sind, und auch wenn die Hügel der Crete nicht besonders hoch sind, so wurden vor allem die unbefestigten Wege doch ziemlich steil angelegt, ohne große Serpentinen, -eben gerade so, wie früher die Ochsen die Karren über den Berg gezogen haben. Steigungen von 14-18 Prozent und über einen Kilometer Länge sind keine Seltenheit, und im August kann man in der Regel von Temperaturen zwischen 32 und 38 Grad Celsius auch noch um 5 Uhr nachmittags ausgehen. Freilich können die Sommer sehr unterschiedlich sein, d. h. kühle Sommer mit Regen dann und wann können durch richtige Backofenhitze in anderen Jahren abgelöst werden. ..

Die Entfernung zwischen Asciano und Torre a Castello betrug etwa 12 Kilometer, und sinnigerweise beginnt dieser Weg an einem Friedhof und endet an einem ebensolchen. Nun wußte ich, daß der zweite Teil der Strecke, nämlich von Monte Sante Marie bis zum Friedhof von Asciano, wesentlich steiler und demnach härter war als der erste Teil, den ich mittlerweile als meine Hausstrecke begriff und in- und auswendig kannte. Mich ließ nun der Gedanke nicht los, wenigstens einmal die ganze Strecke zu laufen, und zwar wollte ich mich von Freunden mit dem Auto nach Asciano bringen lassen und von dort aus nach Hause zurücklaufen. Freilich ging es auf diesem Teil der Strecke teilweise so steil aufwärts wie auf dem berühmt berüchtigten Dach. Der längste Anstieg war 1,2 Kilometer lang und in weiten Teilen sehr steil, immer wieder gab es Abschnitte mit einem Anstieg von 16-18 Prozent, ja vielleicht sogar 20 Prozent. Da Torre a Castello höher liegt als Asciano, ist der Weg dorthin mühseliger und, wie ich mittlerweile weiß, auch etwa zwei bis drei Minuten langsamer als die Strecke nach Asciano, da längere Anstiege zu überwinden sind. Kurz und gut, drei Tage vor dem Ende meines Urlaubs ging ich das Wagnis ein und machte mich auf meine läuferische Friedhofstour durch die Crete.


(Karte: Fischers Laufstrecke von Torre a Castello bis zum Friedhof von Asciano)

© Ulrich Rosenbaum 1996 - 2018