Dokumente 2005 ff.

Jürgen Flimm scheint so etwas wie der letzte Überlebende der Toskanafraktion zu sein. Prompt hätte er für Maurizio Kagels „Tribun“, eine von fünf neu ins Leben gerufenen Werkstatt-Produktionen, am liebsten Oskar Lafontaine engagiert. Für einen politischen Redner und Marschklänge, so der Untertitel der Satire. Lafontaine aber sah seine Bühnenreife gottlob noch nicht gekommen.

Tagesspiegel 7. April 2010

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Doch der Machtmensch, der Lafontaine in den Augen sämtlicher Wegbegleiter ist, wird von Anfang an auch von anderen Kontinuitäten begleitet, die politische Diskontinuität zum Merkmal seiner Laufbahn machen. Der Selbstverwirklicher mit der Liebe zu gutem Essen und Trinken ist für den Zeitgeist der 80er Jahre ein attraktiver Sozialdemokrat. „Toskanafraktion“, ein Solist mit Verantwortungsdefiziten, heißt es bald abschätzig, als nach dem Fall der Mauer die deutsche Einheit möglich wird.

Tagesspiegel 25. Januar 2010

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Toskana-Fraktion ist ein Schlagwort der politischen Kultur in Deutschland. Es wird vor allem in der Presse häufig auf eine Gruppe Politiker und Intellektueller der Linken des politischen Spektrums angewandt, die ihren Urlaub vorzugsweise in der Toskana verbringen. Die Toskana-Fraktion stellt dabei keine Seilschaft im eigentlichen Sinne dar (wie etwa der konservative Andenpakt). Der meist pejorativ gebrauchte Begriff ist vielmehr auf eine den Toskana- Fraktionären angebliche gemeinsame Lebensphilosophie gemünzt: die einstmaligen Rebellen der 68er-Bewegung sind, ermattet vom "Marsch durch die Institutionen", demnach im Alter zu durchaus bürgerlichen Genussmenschen geworden, was sich in ihrer Vorliebe für italienische Gaumenfreuden manifestiere. Häufig schwingt in der Verwendung des Begriffs der Vorwurf der Faulheit und Selbstgefälligkeit mit. Seit Fischers asketischer Phase mag es manchem freilich schwerfallen, den prominenten Toskanaurlaubern allgemein Hedonismus nachzusagen. 

Der Ursprung des Begriffs ist unklar. Er kam in den 1980er Jahren auf; als möglicher Erfinder wird Klaus von Dohnanyi genannt. Der Toskana-Fraktion wurden und werden von der Presse üblicherweise folgende Politiker zugeordnet: • Engholm (SPD; war noch nie in der Toskana) • Schily (SPD, vormals GRÜNE; besitzt seit 1989 ein Landgut bei Siena) • Glotz  (1939-2005; SPD; verbrachte seine Ferien meist in Castiglion Fiorentino) • Schröder (SPD; wurde erstmals 2003 gesichtet) • Lafontaine (WASG, vormals SPD; urlaubt bevorzugt in Capannori bei Lucca) • Fischer (GRÜNE) • Roth,  Jürgen Trittin (GRÜNE) 

Siehe auch Enkel Willy Brandt

Studenten-Pilot 3. Januar 2010

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Lüpertz lebt gern. Auch in der Toskana, wo er Häuser kauft. Er lebt gern, denn der „Tod dauert zu lang“. Begraben werden will er in Italien, in einem Kirchlein, das er bis dahin noch zum Mausoleum umrüsten möchte. Das ist seine Art, die Zeit anzuhalten.

Märkische Allgemeine 2. Januar 2010

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Der freiheitliche Temelin-Sprecher, NAbg. Werner Neubauer, reagierte heute scharf auf die Spekulationen um den bekannt gewordenen Toskana-Urlaub des ehemaligen Premier Mirek Topolanek und des früheren CSSD-Industrieministers Milan Urban, die drei Wochen lang in einer Luxus-Villa auf der toskanischen Halbinsel Monte Argentario mit dem Chef des halbstaatlichen Energiekonzerns CEZ Martin Roman und einem CEZ-Lobbyisten, logiert hatten. "Hintergrund für die grosszügige Einladung an die Politik ist, dass Temelin-Betreiber CEZ das AKW Temelin um zwei neue Reaktoren erweitern will", stellte Neubauer fest. ...  Der Skandal um die "Toskana-Fraktion" in Tschechien sei auch ein weiteres Zeichen dafür, dass der Austritt aus dem Euratom-Vertrag von großer Notwendigkeit sei.  

FPÖ-Pressemitteilung vom 8. August 2009

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Da wünscht man sich in inszenierungsreiche rot-grüne Ferienzeiten zurück. Unvergessen, wie Joschka Fischer 2001 drei „Spiegel“-Reporter vor einem Landhaus in der Toskana empfing. Jeder Journalist erhielt ein Stück eines von Fischer höchstselbst zerteilten Apfels mit einer Scheibe Pecorino-Käse, ein wenig Olivenöl und gemahlenem bunten Pfeffer. Acht Jahre später ist Deutschlands Politik vereint in schockierend öden Urlauben von Alicante bis Bayreuth.

Kölner Stadt-Anzeiger am 31. Juli 2009 über die Ferienpläne der Politiker

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Die Toskana-Fraktion verabschiedet sich.

Handelsblatt am 2. Juli 2009 über die ausscheidenden Bundestagsabgeordneten

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Die Mercedes-Limousine stoppt nahezu an jeder Straßenkreuzung. Orientierungslos kurven Karin und Wolfgang Clement am Mittwochabend über schmale Landstraßen etwa zehn Kilometer südlich von Siena und studieren die italienischen Ortsschilder. Sie suchen ein herrschaftliches Landgut mit eigener Kirche ganz am Rande der toskanischen Ortschaft Monteroni dArbia. Kurz vor 20.30 Uhr erreichen sie schließlich ihr Ziel. Doch die Vorfreude auf einen schönen Sommerabend ist dahin, als die Clements von Gutsherr Otto Schily empfangen werden. Unmittelbar zuvor hat der ZDFJournalist Martin Schmuck den ehemaligen Bundeswirtschaftsminister am Handy erreicht und ihm berichtet, dass seine Partei, die SPD, ihn rauswirft. Der 68- Jährige ist konsterniert und sprachlos. Er kann nicht glauben, dass die Genossen ihm nach 38 Jahren das rote Parteibuch nehmen. Der Grund: Im Januar hatte Clement kurz vor der hessischen Landtagswahl öffentlich zweimal indirekt davor gewarnt, die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti zu wählen, weil er mit der Energiepolitik der linken Genossin nicht einverstanden war.

Focus am 4. August 2008 über den Partei-Rauswurf von Wolfgang Clement

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Das Porträt: DIE TOSKANAFRAKTION 

Unser deutscher Journalist Hajo Kruse nimmt heute eine vergleichende soziologische Studie zu zwei Cliquen vor: die eine deutsch, die andere französisch. Woran kann man waschechte linke oder grüne Politiker erkennen, insbesondere altgediente 68-er? Weil sie anstelle eines dicken Dienstwagens ein Fahrrad haben? Weil sie bio oder grob gestrickte Pullover tragen? Kurz an ihrer bescheidenen und ausgesprochen volksnahen Lebensweise? So hätten es manche Zeitgenossen gerne. Aber die Zeiten haben sich geändert. In Frankreich sowie in Deutschland haben sich Look und Lebenstil vieler Linker schon lange verändert, was ihnen unweigerlich Spott und Argwohn einträgt: In Deutschland werden sie als Mitglieder der sogenannten Toskana- Fraktion gebrandmarkt, in Frankreich nennt man diese Spezies "gauche caviar" - die Kaviar–Linke... Zu den prominentesten Figuren der "gauche caviar" gehören der sonnengebräunte Ex-Minister Jack Lang, Ex- Premierminister Laurent Fabius , ein typischer "grand bourgeois", der versucht, sich bei den kleinen Leuten anzubiedern, aber auch Künstler und Stars wie Juliette Gréco oder Emmanuelle Béart sowie der schöne Philosoph im weitaufgeknöpften weissen Hemd Bernard-Henry Lévy. 

Auch in Deutschland kamen Spott und Schelte über angeblich falsche Linke zunächst aus dem ganz linken Lager. erfanden Hardliner die sogenannte Toskana- Fraktion. Warum kritisierte man da gewisse Genossen? In der linken Szene fiel unangenehm auf, dass Politiker, die in ihren wilden Jugendjahren mit "Ho-Ho-Hotschi- min"-Rufen und Barrikadenbauen die Bürger schreckten, nach dem langen Marsch durch die Institutionen Zigarren rauchen, Anzüge und Seidenkravatten von Armani tragen und überhaupt viel Hang zu italienischer Lebensfreude zeigen. Denn natürlich verbringen sie ihren Sommerurlaub Jahr für Jahr in ihren tollen Villen in der Toskana, wo sie dann mit anderen ehemaligen Hausbesetzern bei Chianti, Carpaccio und Pecorino über die schreckliche Spiessigkeit der Latzhosenträger lästern. Wer gehört zur Toskana-Fraktion? Ohne jeden Zweifel der vom ehemaligen RAF-Anwalt zum SPD-Innenminister avancierte Otto Schily, der heute in der Nähe von Siena Landgut mit Olivenhainen bewirtschaftet, oder der grüne Übervater Joschka Fischer, der den Sprung von den Strassenbarrikaden ins Aussenministerium geschafft hatte. Aber auch die Grünen-Chefin Claudia Roth, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder usw., usw. Ob Toskana- Fraktion, gauche-caviar, Toskana-caviar oder caviar-Fraktion, es gilt das gleiche in beiden Ländern: Keiner will dazu gehören, aber gerade, diejenigen, die am heftigsten bestreiten ihr anzugehören, sind ihre schillerndsten Vertreter. 

Arte 14. 10. 2007

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Seine Gedichte sind auf Klowänden verewigt und werden in Uni-Seminaren erörtert: Robert Gernhardt hat mit seiner Lyrik - vom absurden Humor bis zum Sinnieren über den eigenen Tod - eine Breitenwirkung erzielt wie kaum ein anderer Autor im Deutschland der Nachkriegszeit. Gernhardt, der gestern in Frankfurt im Alter von 68 Jahren an Krebs starb, war ein hochbegabtes und seltenes Multitalent: Er war auch Zeichner, Karikaturist, Satiriker, Dramatiker, Essayist und schrieb Erzählungen. 

Der Mensch Gernhardt war Hedonist: Er liebte das Leben, guten Wein und gutes Essen. Seit den 70er-Jahren besaß er ein Haus in der Toskana bei Arezzo, in dem er vier Monate im Jahr zu verbringen pflegte. Doch typisch Gernhardt: 1987 nahm er in dem Theaterstück "Die Toscana-Therapie" die deutsche "Toskana-Fraktion" satirisch aufs Korn. Der Traum-Urlaub eines Paares in Italien wird zum Albtraum.

Thomas Maier am 1. Juli 2006 in der Esslinger Zeitung

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Pinienstreu für die Toskana-Fraktion: Endlich! Aufatmen im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hab so gelitten die letzten Monate – eigentlich seit Sommer letzten Jahres. Ich war immer ganz zufrieden mit CBÖP, doch plötzlich kippte die ganze Geschichte, die Streu war irgendwie anders als vorher – dazu gab's ja dann hier sogar einen eigenen Fred von Bernie – die Konsistenz war verändert und gestunken hat's im ganzen Haus wie im Raubtierkäfig. ... Aber das Leiden hat ein Ende – jedenfalls bei mir/uns: frischer Pinienduft erfüllt seit über einer Woche das kleine Bad mit dem XXL-Katzenklo, und nichts anderes ist zu riechen. Ich muss nicht mehr mit der Streuschaufel Gewehr bei Fuß neben dem Klo Wache schieben, um Mika oder Émile die frisch gelegten Würstchen gleich unter dem Hintern weg zu ziehen und einzutüten. Jetzt dürfen sie völlig stressfrei verdauen – keine störende Düfte mehr, die aus dem Obergeschoss über die Treppe nach unten wabern... Das Zeug heißt Premium Pine und kommt wieder mal von Cat&Clean.

Blog "Katzenforum" 12.3.2006 

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